Geliebtes Sternenkind !

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Es ist der Alptraum aller werdenden Eltern: ein Baby während der Schwangerschaft, Geburt oder kurz danach zu verlieren. fratz-Autorin Isabel Müller, selbst Mama eines Sternenbabys, über ein Tabuthema.

Laut aktuellen Studien enden bis zu 20 Prozent der von Medizinern festgestellten Schwangerschaften mit einem Abort. Egal, ob zu Beginn einer Schwangerschaft, mittendrin oder kurz vor/bei der Geburt: Für betroffene Eltern ist danach meist nichts mehr vorher. Gerade heute, wo Babys für werdende Eltern dank modernster Medizin und Pränataldiagnostik schon sehr bald „ein Gesicht“ haben und Mama und Papa aktiv am Leben des kleinen Bauchbewohners teilhaben können, fällt der Abschied nach einer Fehlgeburt besonders schwer. Leider werden verwaiste Eltern aber oft sich selbst überlassen und ernten wenig Verständnis für ihre Trauer. Es scheint fast, als ob Schwangerschaft und Tod niemals gemeinsam in einem Satz genannt werden dürften und wer es doch wagt, über späte Fehl- oder gar Totgeburten zu reden, wird in vielen Fällen mit betretenem Schweigen gestraft. Auch fallen Sprüche wie: „Die Natur weiß es manchmal besser, wahrscheinlich wäre euer Kind nicht lebensfähig gewesen“ oder „Ihr seid noch jung, ihr könnt noch weitere Kinder haben.“ Diese jedoch trösten nicht im Geringsten und machen das Geschehene auch kein bisschen erträglicher. Denn betroffene Eltern wollen ihr verlorenes Kind nicht ersetzen, sondern ihm Raum in ihrem Leben geben. Sie fühlen sich weder getröstet noch verstanden, wenn suggeriert wird, dass das Erlebte so schnell wie möglich vergessen werden soll. Oft ist es viel tröstender, Verständnis für die Trauer zu zeigen, einfach zuzuhören und da zu sein. Wieso ich das weiß? Leider aus eigener Erfahrung.

Rückblick

„Würden Sie mir vom Stuhl fallen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie schwanger sind?“ Mein Frauenarzt lächelt, während er mir einen kleinen Punkt am Monitor zeigt. Es ist noch kein Jahr her, da hat er meinem kleinen Sohn geholfen, das Licht der Welt zu erblicken. „Im Gegenteil, das wäre wunderbar…!“ Stolz nehme ich das erste Foto unseres zweiten Babys entgegen und fixiere meine nächsten Untersuchungstermine. Mit strahlendem Lächeln komme ich nach Hause, wo mein Mann schon wartet und unser Glück ebenfalls kaum fassen kann. Wir hatten uns ein Geschwisterchen für unseren Sohn gewünscht, aber nicht damit gerechnet, dass es so schnell wieder klappen würde. Umso aufgeregter sind wir und freuen uns auf jede Kontrolle, genau wie bei unserem ersten Kind. Alles ist in bester Ordnung und außer gelegentlicher Übelkeit habe ich keinerlei „Nebenwirkungen“. Vorsichtig, wie wir sind, erzählen wir in den ersten drei Monaten nur wenigen von unserem süßen Geheimnis, man weiß ja nie. Danach lassen wir Verwandte und Freunde an unserem Glück teilhaben, denn ganz ehrlich: Wer rechnet schon damit, dass danach noch etwas passieren könnte? Die Tage und Wochen fließen dahin und unsere Vorfreude wächst. Als ich in der 18. Woche schwanger bin, fahren wir nach Kroatien und genießen unseren ersten Familienurlaub am Meer. Alles ist wunderbar, bis ich am vorletzten Tag morgens auf die Toilette gehe und Blut in meinem Slip sehe. Mein Mann und ich entscheiden, meinen Arzt anzurufen. Er beruhigt mich erst einmal, fragt, ob ich Schmerzen habe oder mir etwas aufgefallen sei? Nein, nein, gar nichts! Die leichte Blutung bleibt und so brechen wir den Urlaub ab und fahren abends nach Hause. Im Rückspiegel sehen wir unseren Erstgeborenen schlafen, er sieht friedlich und geborgen aus. Wir selbst sind völlig durcheinander, wissen nicht, was oder ob etwas mit unserem Baby los ist und versuchen, uns gegenseitig Mut zu machen. Als ich am nächsten Tag untersucht werde, sehen wir unser Baby eng zusammengekuschelt, die Hände schützend ans Köpfchen gelegt, in meinem Bauch liegen. Ganz ruhig. Niemals werde ich das Gefühl vergessen, das mich erfasst, als wir unser Baby so reglos auf dem großen Monitor sehen. „Es bewegt sich nicht, oder?“ frage ich atemlos und hoffe inständig, dass es sich plötzlich doch regt, strampelt oder am Daumen lutscht.

Mein Arzt sieht uns an und sagt: „Nein, leider nicht.“ Stille. Anfangs bin ich unfähig, etwas zu sagen oder zu weinen. Kann das wirklich wahr sein? Dann, ganz plötzlich, holt mich die schreckliche Wahrheit ein wie eine riesige Welle. Ich klammere mich an meinen Mann und schreie nach unserem Baby, wir weinen haltlos und stellen unserem Arzt die Frage, die sich wohl alle Eltern nach dem Verlust ihres Kindes stellen: „Warum unser Baby? Warum wir?“ Eine weitere quälende Frage, die nach der alles verändernden Nachricht vom Tod unseres Babys im Raum steht: „Was passiert jetzt, wie geht es weiter?“ Wir erfahren, was in einem Fall wie unserem geschieht, sehen uns mit Vorgängen konfrontiert, über die wir uns noch niemals Gedanken gemacht haben. Mit dem Thema „Spätabort“ haben auch wir uns bisher nicht auseinandergesetzt, es gibt also Aufklärungsbedarf. Uns wird mitgeteilt, dass bei einer Fehlgeburt oder einem so genannten intrauterinen Kindstod (Verzögerung des Wachstums eines Fetus) bis zur 13. Schwangerschaftswoche meist eine Ausschabung durchgeführt wird. Bei weiter fortgeschrittenen Schwangerschaften – und dazu zähle ich leider – wird empfohlen, das Baby mithilfe von wehenfördernden Mitteln zu entbinden. Ich bin fassungslos. Ich soll unser Baby ganz normal zur Welt bringen? Die Tränen fließen unaufhaltsam über meine Wangen, ich blicke starr zu Boden. Mein Mann greift nach meiner Hand, will mir beistehen – mir ist inzwischen alles egal, ich will nur unser Baby zurück.

Und was jetzt?

Dank der sehr kompetenten, liebevollen Betreuung durch unseren Arzt verlaufen sowohl die Geburt unseres Babys als auch die nachfolgende Absaugung ohne Probleme. Wer aber denkt, wir hätten damit den schwierigsten Teil „hinter uns gebracht“, der irrt. Auch wenn für einen selbst die Erde stillsteht, für den Rest der Welt dreht sie sich weiter. Man kann die Zeit, die man braucht, um eine Fehlgeburt zu verarbeiten, nicht in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren festlegen. Nichts ist wie es war und ich wage zu behaupten, dass es für betroffene Eltern auch nie wieder so sein wird. Das muss es auch gar nicht, aber es hilft, Wege aus der Trauer aktiv zu suchen. Egal, ob eine Therapie, der (anonyme) Austausch in Internetforn , Gespräche mit einfühlsamen Menschen oder auch Lesen in einschlägiger Literatur – es gibt verschiedenste Möglichkeiten die helfen, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Zu lernen, mit der eigenen Trauer umzugehen und den Verlust eines Babys zu leben ist übrigens nicht nur für die Eltern selbst wichtig. Gerade wenn es schon weitere Kinder gibt, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als schnellstmöglich wieder in einen normalen Alltag zurückzufinden. Mein Sohn hätte nicht verstanden, warum ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr auf den Spielplatz wollte, nur um anderen Müttern mit Kinderwägen aus dem Weg zu gehen.

Oder kein Mittagessen kochen wollte. Natürlich gab es trotz aller Bemühungen auch Tage, an denen ich unvermittelt losgeheult habe. Das ist aber vollkommen in Ordnung und genauso wie es gute Tage gibt, wird es auch immer wieder schwierigere geben. Diese Tatsache zu akzeptieren hat mich viel Kraft gekostet, denn anfangs war ich davon überzeugt, dass ich mich permanent schlecht fühlen müsste. Aber ich habe gelernt, dass ich mein Baby nicht verleugne, wenn ich lache oder fröhlich bin. Ganz im Gegenteil. Mein Sternenkind wird mich solange ich lebe begleiten und Teil meines Lebens sein, bis ich es im Himmel wieder sehe. Denn dass es dort auf mich wartet, davon bin ich überzeugt. Aber ich habe das Glück, auch Mama eines gesunden Sohnes zu sein, der mich braucht und für den ich da sein will. Denn er ist neben meinem Mann und meiner Familie einer der Menschen, der mir am meisten dabei geholfen hat, zu sehen, dass es in meinem Leben sehr viel gibt, wofür ich dankbar sein und worüber ich mich freuen kann. Und zwar jeden Tag aufs Neue.

Fotos: Dr. Dietmar Moosburger / www.moosburger.at, Hersteller

Interview fratz


Keine Garantien

Dr. med. univ. Moosburger betreibt in Salzburg eine Ordination für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie ein Institut für pränatalen Ultraschall. Sein Leistungsspektrum umfasst sowohl gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen und Schwangerschaftsbegleitung als auch Kinderwunschbehandlungen und Pränatalmedizin. Mehr auf www.moosburger.at bzw. www.praenatal-diagnostik.at

fratz & co: Heutzutage lassen sich fast alle Bereiche des Lebens exakt planen – eine „erfolgreiche“ Schwangerschaft jedoch kann niemand garantieren oder vorhersehen. Weiß man, wie viele Schwangerschaften pro Jahr mit einer Fehlgeburt enden?

Dr. Moosburger: Nach einem positiven Schwangerschaftstest enden 20% aller Schwangerschaften in einer frühen Fehlgeburt. Das geschieht großteils in den ersten Wochen der Entwicklung des Embryos, oft sogar bevor Frauen die Schwangerschaft überhaupt realisieren. Eine späte Fehlgeburt hingegen ist sehr selten und betrifft nur etwa eine bis fünf von 100 Schwangerschaften.

fratz & co: Welche Ursachen können Fehlgeburten haben?

Dr. Moosburger: In nur zehn Wochen soll aus einer befruchteten Zelle durch eine explosionsartige Zellvermehrung und Differenzierung ein Mensch mit all seinen Organen entstehen – ein komplizierter Vorgang. Die frühe Fehlgeburt hat als Ursache, dass sich der Embryo nicht so entwickelt, wie er sollte. Der häufigste Grund dafür sind Chromosomenprobleme, die der Natur nach dem Zufallsprinzip bei der Befruchtung „passieren“. Bei einer späten Fehlgeburt denkt man überwiegend an ein gesundheitliches Problem bei der Mutter, jedoch können auch zu diesem Zeitpunkt Chromosomenfehlverteilungen oder organische Fehler ausschlaggebend sein.

fratz & co: Gibt es Faktoren, die Fehlgeburten begünstigen?

Dr. Moosburger: Es gibt tatsächlich Faktoren, die eine Rolle spielen können. Mit zunehmendem Alter einer Patientin etwa nimmt die Qualität der Eizellen ab und es kommt häufiger zu Chromosomenfehlern. Ebenfalls zu einer Fehl-geburt führen können angeborene Fehlbildungen der Gebärmutter oder gesundheitliche Probleme (z.B. Diabetes oder Schilddrüsenprobleme), die nicht erkannt oder ausreichend therapiert sind. Des Weiteren machen zwar bei-spielsweise Gerinnungsstörungen einer Patientin keinerlei Beschwerden, können aber im Falle einer Schwangerschaft zu wiederholten Fehlgeburten füh-ren. Bei meinen Patientinnen lasse ich zu Beginn einer Schwangerschaft außerdem mittels Blutbild abklären, gegen welche Erreger bereits eine Immuni-tät besteht und bei welchen Erregern nicht. Denn auch Infektionen bergen oft Risiken und nur so kann ich auf notwendige Vorsichtsmaßnahmen hinweisen. Leider gibt es natürlich auch Frauen, die in der Schwangerschaft weiterhin rauchen, Alkohol trinken oder Drogen konsumieren – hier stellt eine Fehlgeburt nur eine der möglichen Folgen dar.

fratz & co: Gibt es feststellbare Symptome, die zu einer Fehlgeburt führen bzw. auf eine drohende Fehlgeburt hinweisen?


Dr. Moosburger:
Die häufigsten Symptome sind Krämpfe, wie viele Frauen sie auch während der Menstruation erleben und Blutungen, wobei die Stärke der Blutung nicht ausschlaggebend ist. Oft werden Fehlgeburten auch während einer Routineuntersuchung entdeckt oder Frauen berichten, dass ihre Übelkeit oder das „Ziehen im Bauch“ von einem Tag auf den anderen weg war oder ihre Brüste wieder weicher geworden sind. Eine späte Fehlgeburt äußert sich meist mit starken Blutungen und Krämpfen, oft auch verbunden mit einem Blasensprung, bei dem sich das Fruchtwasser über die Scheide entleert.

fratz & co: Wenn das Ungeborene nach dem dritten Monat im Mutterleib verstirbt, findet meist eine „richtige Geburt“ statt. Stimmt es, dass es für Gesundheit als auch Psyche besser ist, auf natürlichem Weg zu entbinden?


Dr. Moosburger:
Ja, weil der Kraftakt der Geburt und der damit verbundene Schmerz das Loslassen unterstützt. Auch das Betrachten und in den Arm nehmen eines (auch unter Umständen sehr kleinen) totgeborenen Kindes macht den Eltern bewusst, dass es ihr Kind ist und es tatsächlich da ist – sie sich also in ihrer Trauer und ihrem Schmerz nicht irren. Schmerz muss gelebt werden, um ihn auch wieder loslassen zu können.

fratz & co: Fast immer wird nach einer Fehlgeburt eine Ausschabung vorgenommen gibt es hier verschiedene Methoden?


Dr. Moosburger:
Ist eine frühe Fehlgeburt im Gange und die Blutung nicht dramatisch, könnte man einfach unter Gabe von Schmerzmitteln abwarten und den Körper arbeiten lassen. Handelt es sich um eine „Missed Abortion“, gibt es in Österreich leider nur die Möglichkeit einer Ausschabung in Narkose. Hier rate ich unbedingt zu einer Vakuumaspiration mit weichen Silikonröhrchen, da eine herkömmliche Ausschabung mit Stahlcurretten immer zu Schleimhautverletzungen führt und oft auch weitreichende Folgen wie Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten oder dramatische postpartale Blutungen mit sich bringt.

fratz & co: Denken Sie, dass es hilft, den Grund für eine Fehlgeburt zu kennen?

Dr. Moosburger: Tatsache ist, dass man fast nie die Ursache einer Fehlgeburt finden kann. Es ist daher sehr wichtig, dass Schwangere generell über das Wesen der Fehlgeburt Bescheid wissen. Nur so lässt sich vermeiden, dass Frauen nach Fehlgeburten von Selbstvorwürfen geplagt werden und angstbeladen in eine Folgeschwangerschaft gehen.

fratz & co: Welche Rolle spielt moderne pränatale Diagnostik Fluch oder Segen? Und wie geht es Ihnen als Pränataldiagnostiker in der Rolle des „Übermittlers“ von oftmals schlechten Nachrichten?


Dr. Moosburger:
Pränataldiagnostik ermöglicht eine ganzheitliche, individuelle und situationsgerechte Betreuung.

Das gesamte Interview können sie hier weiterlesen!

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