Hat mich Papa nicht mehr lieb?

In den 60er Jahren sah man in Heimkindern oder Scheidungswaisen noch potentielle Straftäter. Dieses Klische ist längst passé. Doch die Trennung der Eltern ist auch heute noch ein einschneidendes Erlebnis für Kinder.

Eine Wohnung in Rostock, DDR. 1956: Ein Kleinkind und ein Baby. Seit Tagen allein. Beide verlaust, von der Krätze gezeichnet, halb verhungert. Sich selbst überlassen, ohne Erbarmen. Der jungen Mutter waren sie lästig geworden. Sie wollte fliehen, neu durchstarten im Westen. Ohne Kinder. Der Vater? Längst abgehauen. Nachbarn fanden die beiden Winzlinge. Es folgten: Kinderheime, gescheiterte Adoptionsversuche. Das ist die Geschichte von Peter Wawerzinek, geboren 1954.

Nicht gewollt. Nichts wert

Erst mit 18 erfährt der Schriftsteller, dass er eine Schwester hat. Seine Mutter wird er die nächsten fünf Jahrzehnte nicht wiedersehen. Er, das verlassene Kind, quält sich ein Leben lang mit diesem Seelenschmerz. Rechnet in seinem neuen Buch „Rabenliebe“ (siehe Buchtipp) wütend mit seiner Mutter ab, gewinnt mit seinem furiosen Werk den Ingeborg-Bachmann-Preis.
„Damals wie heute und auch in Zukunft wird es passieren, dass Rabeneltern wie ihr sich aus der Verantwortung stehlen. Und die es betrifft, die verlassenen Kinder, knabbern ihr Leben lang am überharten Kanten. Man ist so hilflos. Ausgeliefert. Es ist so ungerecht. Nie zu verkraften. Bis dass der Tod uns erlöst, schmerzt es tief drinnen. Und der Schnitt, den ihr zwischen euch und euer Kind gezogen habt, bleibt ewig“, schreibt Peter Wawerzinek in einem offenen Brief an seine Eltern (erschienen im FOCUS Magazin, Ausgabe Nr. 34, 2010)

Nicht nur Härtefälle

Die Geschichte von Peter Wawerzinek ist ein Extrem-Beispiel. Keine Frage. Aber jede Trennung quält Kinderseelen. Rüttelt den vertrauten Alltag durcheinander. Kinder fühlen sich ausgeliefert, wenn Mama und Papa auseinandergehen. Und das tun immer mehr: Im Jahr 2009 wurden in Österreich 18.806 Ehen rechtskräftig geschieden, insgesamt 20.619 Kinder (14.480 davon minderjährig) waren betroffen (Quelle: Statistik Austria).

Nichts geht mehr

Geht eine Beziehung zu Ende, dann sind da plötzlich viele Fragen: Bleiben oder gehen? Den Kindern diesen Schmerz zufügen? Das so genannte Glück zerstören? Komme ich finanziell über die Runden? Wann sag ich’s meinem Kind?
„Nur wenn absolut klar ist: Wir trennen uns. Es gibt kein Zurück“, rät Vera Rosenauer, Lebens- und Sozialberaterin aus Wien. Eine Trennung dürfe nie als bloße Möglichkeit angekündigt werden.

Was Kinder stärkt

Vera Rosenauer weiß, worauf es jetzt ankommt: „Ganz wichtig ist, dem Kind kindgerecht und altersadäquat die Wahrheit zu sagen. Dabei immer wieder zu versichern: Du bist nicht schuld!“ Kinder sind gute Beobachter, aber schlechte Interpreten – sie ziehen sehr rasch  den Schluss, die Eltern trennen sich, weil es schlechte Noten hat oder nicht brav ist! Entwickeln falsche Vorstellungen oder Fantasien, die belastender als die Wahrheit sind. Von Vorteil: eine gemeinsame Version der Geschichte.
„Jetzt ist das Kind aktiv zu entlasten“, sagt Vera Rosenauer. „Muss wissen: Ich darf nach wie vor Mutter und Vater lieben und muss zu keinem halten.“ Eltern- und Paarebene müsse jetzt strikt getrennt werden. Schuldzuweisungen sind tabu. Das Kind soll sich nicht entscheiden müssen, wer von den Eltern die Wahrheit sagt und wer lügt.
Sicherheit bieten
Wo werde ich wohnen? Muss ich die Schule wechseln? Haben wir jetzt weniger Geld? „Je mehr Informationen Eltern sofort bieten und vor allem auch halten können, umso besser“, sagt Vera Rosenauer. Während der Trennung neigen Eltern dazu mehr zu versprechen als sie später halten können. Dabei ist klar: Die Probleme einer Scheidung hören nicht auf mit der Unterschrift vor dem Familienrichter.

Du hast mich verlassen

„Jetzt zahl ich es dir heim“, frohlocken verbitterte Frauen. Versuchen den Störfaktor Ex-Mann mit aller Gewalt ins Abseits zu kicken, Kindern den Vater zu entfremden. Sie boykottieren Besuche, nennen falsche Uhrzeiten, fangen Emails oder Anrufe ab. Ihre Waffe im Rosenkrieg: das leidende Kind. Dieses „Parental Alienation Syndrome“ (PAS), das „elterliche Entfremdungssyndrom“, wurde erstmals vom amerikanischen Jugendpsychiater Richard Gardner beschrieben (siehe Kasten). Opfer ist letztlich das Kind. Verstrickt in einen unlösbaren Loyalitätskonflikt.
Sich jetzt neu mit dem Ex zu arrangieren, innere Größe zu zeigen, dazu rät Expertin Rosenauer. Wie ein Mantra zu wiederholen: Meine Liebe zum Kind siegt über Hass oder Enttäuschung.

Hat Papa mich nicht lieb?

Andererseits gibt es viele Frauen, die froh wären, wenn der Vater sich nach der Trennung weiterhin liebevoll um seinen Nachwuchs kümmern würde. Mütter, die ständig bitten, betteln, hinterher telefonieren müssen, damit der Vater den Geburtstag nicht vergisst, den versprochenen Ausflug unternimmt, endlich seinen Zahlungspflichten nachkommt.
„Wo ich Druck mache, kommt Druck zurück“, erklärt Vera Rosenauer. „Sehen sich Eltern aufgrund gravierender emotionaler Probleme nicht dazu in der Lage, sich miteinander zu arrangieren, sollten sie therapeutische Unterstützung oder Mediatoren in Anspruch nehmen.“ Grössere Kinder hingegen könnten ermutigt werden, den Vater selbst anzustubsen: „Wieso kommst du nicht? Hast du meinen Geburtstag vergessen?“

Wenn Mütter gehen…

Mutig, aufopfernd, voll leidenschaftlicher Hingabe – der Stoff aus dem die Mutter-Mythen sind. Aus Frauen werden Mütter. Männer bleiben Männer. Verlässt eine Mutter ihre Familie, erntet sie Unverständnis und Kritik. Ein Tabu-Bruch. Ein Kind gehört zur Mutter. Basta! So der Grundtenor in unserer Gesellschaft. Dazu kommt, „dass die meisten Väter relativ leicht auf die alleinige Obsorge ihrer Kinder verzichten“, weiss Vera Rosenauer. „Verwöhnen lieber als Sonntags-Papis, liefern abends bereitwillig Kind und Verantwortung vor der Türschwelle ab.“

Wogen in der Kinderseele

Wohnen bei Mama. Papa kommt nur zu Besuch. Verwirrend. Vera Rosenheims Erfahrung mit Häufig fallen Kinder in ihrer Entwicklung einen Schritt zurück (Regression): Kleinkinder bettnässen, knabbern an Fingernägeln. Der Bauch drückt. Sie sind ängstlicher.  Ältere Kinder kämpfen mit vorübergehenden Problemen in der Schule. Kurz: die Trennungskinder leiden.
„Wichtig ist, diese Regression so weit wie möglich zuzulassen“, rät Vera Rosenauer. Den Kindern Zeit lassen Schmerz und Kummer zu verarbeiten. Auf ihre Weise. In einer vertrauten, weil eigentlich längst überwundenen Entwicklungsstufe. Dann jedoch rüsten Kinder wieder auf, holen Versäumtes nach. Vorausgesetzt, sie werden liebevoll begleitet. Mit etwas Menschenverstand und einer großen Portion Gelassenheit können Trennungsskinder die neue Situation kindgerecht begreifen und bewältigen.
„Dass Kinder überhaupt reagieren, ist positiv!“, erklärt Vera Rosenauer. „Kinder, die sich nichts anmerken lassen, sollten ermutigt werden, ihre Gefühle zu zeigen und in Worte zu fassen: „Du darfst wütend sein. Du darfst auch mal schimpfen. Gesprächsmöglichkeiten anbieten heisst: ich bin da für dich.

Dem Kind zuliebe?

Experten wissen: Wer in einer kaputten Beziehung steckt, muss nicht zwanghaft daran festhalten. Den Kindern eine heile Welt vorzuspielen, bis sie älter sind, sei keine Lösung. Kinder hätten sehr feine Antennen und spürten, wenn Konflikte unter der Oberfläche schwelen.
Auch wenn wir’s uns alle wünschen: Liebe, Leben, Kinder lassen sich nicht immer synchronisieren.
Text: Beate Giacovelli
Foto: pixabay-Anemone123

info fratz

Für Kinder in stürmischen Zeiten: Verein Rainbows. Bietet Kindern und Jugendlichen in ganz Österreich Hilfe bei Trennung/Scheidung/Tod. Infos: www.rainbows.at
PAS-Syndrom (Parental Alienation Syndrome) bezeichnet die Entfremdung eine Elternteiles durch die Manipulation des anderen. Folge: Das bewusst oder unbewusst beeinflusste Kind lehnt den Umgang mit einem Elternteil ab.
Resilienzforschung
… abgeleitet vom lateinischen resilire (= zurückspringen, abprallen). Der Begriff Resilienz – damit ist das Immunsystem der Seele gemeint – wurde in den 50er Jahren von Jack Block eingeführt. Ziel: Psychologen und Soziologen erforschen das Geheimnis innerer Stärke.

BUCHTIPPS

Rabenliebe
Peter Wawerzinek
Verlag Galiani Berlin
www.galiani.de
ISBN: 978-3-8697-1020-4
Wir sind trotzdem beide für dich da
Friederun Reichenstetter, Jürgen Rieckhoff (Illustration)
Verlag Arena
Ab 4 Jahren
www.arena-verlag.de
ISBN: 978-3-4010-8810-5
Glückliche Scheidungskinder: Trennungen und wie Kinder damit fertig werden
Monika Czernin, Remo H. Largo
Piper Verlag
www.piper-verlag.de
ISBN-13: 978-3-4922-4158-8
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