„Herrschaften, so geht’s nicht weiter!“

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„Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.“

Erkennen Sie das Motto? Es ist der „Feuerzangenbowle“ vorangestellt, jenem Roman von Heinrich Spoerl, der – von und mit Heinz Rühmann verfilmt wurde. Rühmann spielt einen erfolgreichen Schriftsteller, der aus Jux die Maturaklasse eines Kleinstadtgymnasiums besucht, nur um auch einmal so richtig eine Schule auf den Kopf stellen zu können. Ein feiner alter Film!  Mit viel Freude und Humor von den Laiendarstellern gespielt: Wenige Monate später waren viele von ihnen tot, gefallen im Zweiten Weltkrieg. Die liebenswert sentimentale Schule aber haben sie unsterblich gemacht. Falls man etwas unsterblich machen kann, das nie existiert hat, jedenfalls.

Look back in humor

Und wie ist das mit Ihnen? Worüber unterhalten Sie sich, wenn Sie einen alten Schulkollegen treffen? Über den BH der Geschichtelehrerin, dessen Träger immer die Schulter herunterrutschte. Über den Geografen, der auch bei 35 Grad im Schatten Rollkragenpullover und Gesundheitsschlapfen trug und bei jedem miesen Test: “Herrschaften, so geht’s nicht weiter!“ knurrte.
Und über den Religionslehrer, der die ganze Stunde damit verbrachte, krampfhaft nicht auf die Dekolletés der Mädchen zu starren. Stimmts? Gratuliere zum guten Gedächtnis! Aber wetten, Sie haben ein paar Kleinigkeiten aus Ihrer Schulzeit vergessen: Die Abende, an denen Sie vor schlechtem Gewissen nicht einschlafen konnten, weil Sie die Hausübung nicht hatten. Die Panik, während die Schularbeitsnoten vorgelesen wurden. Den Frust in der Pause vor einer Prüfung, bei der Sie Null Chancen hatten. Und die letzten Wochen Ihres Abschlussjahres, als Sie sich schworen, Sie würden am allerletzten Tag ihren Lehrern endlich, endlich sagen, was Sie von ihnen hielten.

Vielleicht aber erinnern Sie sich an all das, wenn Ihr Kind schulpflichtig wird. “Als ich am ersten Schultag meine Tochter begleitete, hatte ich das Gefühl, ich sei selbst wieder sechs Jahre alt. Die Atmosphäre, der Geruch, die Geräusche – alles war wie in meiner eigenen Schulzeit. Und sobald ich die Lehrerin sah, wusste ich, sie macht mir Angst.”, erzählt Judith. Und nicht nur sie hatte Angst: Auch ihre Tochter Olivia begann sich vor der Klassenlehrerin zu fürchten.

“Ich fragte sie jeden Tag nach der Schule, ob die Lehrerin sie besonders genau gefragt hatte, ob sie bei der Sitznachbarin auch so viel ausgebessert hatte und ob die anderen Kinder auch das gleiche auswendig lernen mussten.” Bald hatte Olivia das Gefühl, dass auf ihr herumgehackt würde. Sie wurde immer ruhiger. Und das stand auch im Zeugnis – für Judith wieder ein Beweis dafür, dass die Lehrerin besonders streng zu Olivia war. Und so stellte sie – endlich! – die Lehrerin zur Rede.

“Und das Gespräch verlief ganz anders, als ich mir gedacht hatte. Sie machte sich Sorgen um Olivia, weil sich das Kind immer mehr zurückzog und jedes Wort auf die Goldwaage legte. Und sie befürchtete, dass ich im Elternhaus vielleicht Druck ausübte und perfekte Leistungen verlangte.” Eigentlich das klassische Missverständnis: Eine Situation, zwei Blickwinkel.

Und es musste Monate dauern, bis die beiden Frauen zu einem klärenden Gespräch zusammenfanden. “Manchmal vergessen Eltern und Schüler, dass wir Lehrer werden, weil wir Kinder lieben.“, stellt Mag. Karin Katzin fest, die seit vier Jahren Englisch und Geschichte an einem Wiener Gymnasium unterrichtet. Und manchmal, so scheint es zumindest, vergessen auch die Lehrer, dass sie Kinder jemals lieben wollten. Lehrer – Eltern – Schüler. Die drei klassischen Gegner? Oft scheint das so. Und seit Generationen sind sich offenbar alle zumindest in den Fehlern einig, für die sie sich im Umgang miteinander entscheiden.

Schüler, Lehrer, Eltern

Schüler
suchen ihre eigenen Grenzen. Leider liegen die manchmal schmerzhaft weit jenseits der Grenzen ihrer Lehrer.
lieben es, auch manchmal ihre miesen Seiten zu üben. Nur schade, dass der böse Mr. Hyde besonders oft in der Schule zum Vorschein kommt.
hüten meist ein Geheimnis: Eigentlich gehen sie ganz gerne zur Schule und lieben es etwas Neues zu lernen. Bedauerlicherweise darf man das anderen gegenüber nicht zugeben. Und noch bedauerlicherweiser wird ihnen die Freude am Wissen auch wirklich oft verdorben.
haben einen Hang zum Minimalismus. Aber Nicht-Leistung wird nun einmal weniger belohnt als Leistung. Und der Lehrer kann nur das benoten, was er sieht, nicht das, was er sehen könnte.
mögen Lehrer, die ihnen gute Noten geben. Und sie hassen die Lehrer jener Fächer, in denen sie schlecht sind. Nun, aber ist es nicht doch vielleicht eher die Note, die die Abneigung verdient?

Lehrer

neigen üblicherweise zu Idealismus. Und gerade das macht sie manchmal etwas unempfindlich für die Realität: Nicht jeder Lehrer wird von jedem Schüler geliebt.
geraten auch manchmal an ihre eigenen Grenzen. Und sie werden garantiert nicht besser, wenn man ihnen dauernd zu verstehen gibt, wie unfähig sie sind.
verbringen jeden Tag viel Zeit mit ihren Schülern. Die meisten von ihnen lieben Kinder wirklich: Aber sie sehen die Kids nur aus einem bestimmten Blickwinkel. Und so ist auch ihnen nicht in jedem Fall Objektivität möglich.
mögen es meist gar nicht, wenn sich Eltern in ihren Job einmischen. Verständlich, einerseits. Andererseits: Vielleicht meinen die Eltern es ja auch gar nicht als Einmischung, sondern als helfende Hand?
Verbringen einen großen Teil ihres Lebens naturgemäß in der Schule. In einem sehr einfachen System mit klaren Aufgaben und Hierarchien. Eltern sind aber meist an komplziertere Strukturen gewöhnt und hinterfragen Entscheidungen gewohnheitsmäßig.

Eltern

haben oft ein Problem damit, dass plötzlich die Lehrerin über einen großen Teil vom Leben ihres Kindes bestimmt.
können ihr Kind nur schwer objektiv sehen: Liebe macht blind. Und sie macht auch blind dafür, dass sie blind macht. Aber in einem Winkel unseres Kopfes sollte noch Platz für die Vorstellung sein, dass andere Menschen unser Kind anders beurteilen als wir.
meinen das Beste für ihr Kind zu erkennen. Aber: Der Lehrer ist ein Profi. Er beherrscht seinen Job. Und es ist nur selten nötig, ihm zu erklären wie man unterrichtet.
reden immer noch nicht gern mit Lehrern. Schade. Die würden sich nämlich über Feedback freuen. Und sie ziehen es auch vor mit Eltern gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
schieben Schulprobleme häufig auf Faulheit des Kindes. Aber steckt nicht vielleicht etwas anderes dahinter?

Schule in Partnerschaft

Sagt Ihnen der Begriff “Schulpartnerschaft” etwas?
Nein, damit ist nicht gemeint, dass zwei Schulen aus verschiedenen Ländern einander bei der Organisation von Schikursen und Austauschprogrammen behilflich sind. Schulpartnerschaft sollte an jeder Bildungsanstalt stattfinden: Die Kooperation von Lehrern, Eltern und Schülern. Verordnet ist sie ja: Jede Klasse braucht Elternvertreter, im Schulgemeinschaftsausschuss bestimmen auch Schüler mit.

Und die Realität? Elternarbeit muss nicht nur darin bestehen, für die Klassenlehrerin am Schulschluss einen Blumenstrauß zu organisieren. Fragen Sie einmal herum, ob jemand in der Klasse Ihres Kindes beim offenen Lernen helfen könnte. Oder ob ein Elternteil zum Beispiel gelegentlich eine Fremdsprache unterrichten könnte.

Und vielleicht findet sich auch jemand, der die Kinder mit ein wenig Schach bekannt machen möchte. Ideen haben Sie sicher selber noch viele! Und glauben Sie mir: Die Klassenlehrerinnen lassen sich gerne von Ihrer Begeisterung mitreißen.

Aber was, wenn es wirklich schief geht?
Mag. Katzin gibt zu: “Natürlich mag ich nicht jedes Kind gleich gerne. Das ist menschlich und auch damit muss ich umgehen können.” Schön. Schön, wenn das eine Lehrerin kann! Nani besuchte eine bekannt konservative Schule, die sich an strengen Leitgedanken orientierte. Die Kleidung und das Verhalten der Schüler wurden genau beobachtet und sollten eine christliche Haltung dokumentieren.

Nur, als Nani etwa 10 Jahre alt war, begann sie sich dagegen aufzulehnen: Die Röcke wurden immer kürzer, die Leistungen schlechter und als sie ein paar Teenie-Zeitschriften in der Klasse herumzeigte, in denen es per Wort und Bild um Sex ging, fühlte sich die Klassenlehrerin in ihrer Lebenseinstellung persönlich angegriffen.

Von da an konnte Nani tun, was sie wollte: Auf irgendeine Art schrammte sie immer an das “Nicht genügend”. Nanis Mutter erhob Einspruch beim Stadtschulrat. “Und ich erhielt Recht. Aber dann nahm mich der zuständige Beamte zur Seite: Er gab mir zu bedenken, dass diese Schule zwar sehr geachtet ist – aber vielleicht einfach nicht der richtige Ort für meine Tochter.” Nani wechselte also. Und ist zu einer völlig unauffälligen Schülerin geworden.
Wenn Ihr Kind sich über Lehrer beklagt

sollten Sie erst einmal genau zuhören und abwägen, ob mehr dahintersteckt als schlechte Laune des Kindes oder der Lehrerin
sollten Sie das Kind ermuntern, die Lehrerin selbst darauf anzusprechen
sollten Sie reagieren, wenn eine ähnliche Situation öfter vorkommt und um ein Gespräch bitten
können Sie sich vorher notieren, was Sie vorbringen wollen – im Gespräch fallen Ihnen vielleicht wichtige Details nicht ein
können Sie auch die Direktorin um Vermittlung bitten

Die Schule im Kreuzfeuer. Hilflose Lehrer, die sich nur durch Repressalien zu wehren wissen. Gewaltbereite Schüler, die nur das Ziel haben, ihre Lehrer “fertigzumachen”. Und unfähige Eltern, die durch lasche Erziehung ihre Kinder völlig verdorben haben. So jedenfalls stellen die Kritiker die Situation dar. Und auch die Frau des deutschen Bundeskanzlers empfiehlt öffentlich größerer Strenge, Erziehung zu mehr Fleiß, Pflichtbewusstsein und Anstand.

Österreich versucht da eher den österreichischen Weg: Die neue Stadtschulratspräsidentin von Wien, Susanne Brandsteidl, setzt auf die angstfreie Schule. Und von einem angstfreien Stadtschulrat. Und davon, dass sich unsere Kinder in 20 Jahren an den BH der Geschichtslehrerin und die Gesundheitsschlapfen des Geografen erinnern – und von schlechtem Gewissen und Angst schon lang nichts mehr wissen.

 

Foto: pixabay_Gerd Altmann

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