Geburt im Eilverfahren

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In Ausnahmefällen bleibt jedoch jede Hilfe aus – manche Babys haben es so eilig, dass sogar der Notarzt zu spät kommt. Sabine hat Tom gerade noch rechtzeitig angerufen. “Ich fühlte mich nur nicht ganz rund und wollte mich vor dem großen Tag lieber noch ein wenig ausrasten”. Doch es kommt anders. Als Tom die Haustür öffnet, wird Sabines Ziehen im Bauch plötzlich heftig.
Sie versucht sich noch zu entspannen – sind die Wehen doch eben erst losgegangen. Doch der Drang zu pressen beginnt überraschend bereits wenige Minuten später im Auto. Dass Tom selbst wenig später als Geburtshelfer neben dem Foto seines zweiten Sohnes genannt wird, ahnt er in diesem Moment noch nicht…


Geburt im Auto – Erlebnisbericht


Während Tom das Auto lenkt, platzt bei Sabine die Fruchtblase. “Kurze Zeit haben wir das Gefühl gehabt, jetzt würde es langsamer weitergehen und wir könnten gemütlich ins Krankenhaus fahren”, weiß Sabine von diesen aufregenden Minuten noch. Aber die nächste Presswehe lässt nicht lange auf sich warten und bereits im Auto kann Tom den Kopf seines Kindes sehen: “In diesen Minuten denkst du nicht, was alles passieren könnte.”
Er folgt den Anweisungen des Notrufdienstes und versucht seine Frau nach allen Möglichkeiten zu unterstützen. Ohne CTG und Ultraschall müsse man sich eben total auf das “Gefühl im Bauch” verlassen. “Irgendwie läuft alles automatisch ab. Nachzudenken haben wir erst begonnen, als alles vorbei war.”


Der erste Schrei seines Sohnes. Erleichtert hört Tom vom Sanitäter der Notrufstelle die Gratulation:“Das haben Sie beide sehr gut gemacht!”. Die Anspannung lässt nach. Fast zeitgleich trifft der Notarzt ein. Er versorgt Mutter und Kind und kümmert sich um die Nachgeburt. Tom drückt seine Frau glücklich an sich und verabschiedet sich von seinem Helfer. Als er die rote Taste seines Handys drückt, merkt er erst wie seine Hand noch zittert.


Hilfseinsatz mit Botanikkoffer


Derartige Spontangeburten, bei denen alle ausgebildeten Helfer zu spät kommen, laufen meist ohne Schwierigkeiten ab – auch Hebammen berichten, dass es in solchen Fällen eigentlich nie zu Komplikationen kommt.
Zumeist trifft die Rettung noch rechtzeitig bei den werdenden Eltern ein. Befinden sich diese nicht mehr im Wohnzimmer, sondern bereits auf dem Weg ins Krankenhaus kommt eventuell der sogenannte “Botanikkoffer” zum Einsatz.


Er enthält unter anderem alles, was für eine Geburt im Grünen notwendig wäre. Wer meint, dass es die Geburt im WC, im Auto oder am Gehsteig nur in Hollywood gibt, der irrt.


Auch in Österreich erblicken jedes Jahr einige wenige Kinder bereits auf dem Weg zum Krankenhaus das Licht der Welt. Von insgesamt rund 77.000 jährlichen Geburten kommen ca. 140 Kinder (Daten 2003, Statistik Austria) auf dem Weg ins Krankenhaus bzw. an einem dafür unvorhergesehenen Ort zur Welt.


Wann soll man mit der Rettung ins Krankenhaus fahren?


Nach neun Monaten ist es endlich so weit: Die ersten Wehen setzen ein.


Mit einem Blasensprung wäre der Beginn einer Geburt eindeutig angezeigt. (Un)regelmäßiges Ziehen richtig als Wehen einzustufen ist schon schwieriger. “Neben bekannten Bedingungen wie dem Blasensprung sollte die Rettung dann gerufen werden, wenn eine Fahrt ins Krankenhaus unter kontrollierten Bedingungen nicht mehr machbar ist”, betont Heinz Novosad, Qualitätsmanager der Landesrettungsleitstelle in Niederösterreich.


130 km/h auf der Landstraße und das “Übersehen” von roten Ampeln seien damit zum Beispiel nicht gemeint.
Wer zur Geburt ins Krankenhaus mit der Rettung fahren möchte, sollte den Notruf 144 wählen. Diese Nummer hat in den Telefonzentralen Priorität vor allen Anrufen.




Das Notruftelefon


Für die raschen und richtigen Antworten am Notruftelefon (144) ist in Niederösterreich die LEBIG verantwortlich. In der Leitstellen-Entwicklungs-, Betriebs- und Integrationsgesellschaft m.b.H. arbeiten Hilfsorganisationen wie beispielsweise das Niederösterreichische Rote Kreuz, der Samariterbund und der Christophorus Flugrettungsverein zusammen, um die zentrale Aufgabe der Notrufdienstleistung optimal zu erfüllen.


Jedes Notruftelefon der Leitstelle ist mit zwei Mitarbeitern besetzt. Während sich ein Helfer um die Koordination des Einsatzfahrzeuges kümmert, bleibt der zweite immer im Gespräch mit dem Anrufer, in unserem Fall dem Geburtsbegleiter. Wählt man bei Beginn oder im Verlauf einer Geburt den Notruf 144, so wird der Helfer vor Ort telefonisch so lange vom jeweiligen Mitarbeiter begleitet und vor allem angeleitet, bis das nächstgelegene Einsatzfahrzeug eingetroffen ist.


Mit Rücksicht auf äußerste Sicherheit und wissenschaftlich fundiert werden so dem nicht ausgebildeten Geburtshelfer strukturierte Anweisungen zum richtigen Verhalten gegeben.


Auch für das Abnabeln, die Nachgeburt oder für Zwischenfälle wie “Nabelschnur um den Hals” oder “Steißlage” liegen in der Notrufzentrale Anweisungen vor. Erst wenn die Geburt abgeschlossen und der Notarzt bei den glücklichen Eltern eingetroffen ist, übernehmen die Einsatzkräfte vor Ort.


So funktioniert die Geburtsanleitungen per Telefon


Haben die Presswehen eingesetzt und ist bereits ein Teil des Babys sichtbar, so lauten die Anweisungen vom Notruftelefon:
“Gut. Legen Sie jetzt die Innenseite Ihrer Hand vor die Scheide und halten Sie während der Wehen vorsichtig dagegen, um zu verhindern, dass der Kopf des Babys zu schnell geboren wird.”


Ist der Kopf schon geboren, folgt nach dem Reinigen von Mund und Nase des Babys der Hinweis:
“Wenn der Körper des Babys geboren ist, kann er sehr glitschig sein. Lassen Sie das Baby nicht fallen. Unterstützen Sie Kopf und Schultern und halten Sie das Baby sicher an Hüften und Beinen.”


“Natürlich lass’ ich das Kind nicht fallen”, werden Sie sagen. Doch auch Monika Osazuwa-Lechner vom Hebammenzentrum-Verein für freie Hebammen in Wien betont: “Das erste Angreifen vom Baby ist eine sehr rutschige Angelegenheit – hier ist besondere Vorsicht geboten!”
“Trocknen Sie das Baby nun mit einem sauberen Handtuch ab und wickeln Sie es anschließend in ein trockenes Handtuch ein, um es warm zu halten. Bedecken Sie auch den Kopf, aber nicht das Gesicht”, lautet die nächste Anleitung.


Jetzt wird’s kuschelig – egal ob Badetuch, Windel oder T-Shirt – ist das Baby warm eingehüllt, wird es erst einmal so richtig geknuddelt. “Durch intensive Berührung holt man das Baby her”, beschreibt Osazuwa-Lechner und dann geht’s gleich auf den Bauch der Mutter.


Die Schlüsselfragen der Notrufstelle


Im Gespräch mit der Rettungsleitstelle sollte der Anrufer folgende Fragen beantworten können:
Wo genau befindet sich die schwangere Frau?
– Ort, Gemeinde, Straßenbezeichnung, Hausnummer, Anfahrtsbeschreibung, Haus- und Hofnamen
Wie lautet ihre Rückrufnummer?
– Handynummer bereithalten damit im Falle einer Gesprächsunterbrechung wieder Kontakt aufgenommen werden kann!
Wie alt ist sie?
– Alter der werdenden Mutter
Welche(r) Schwangerschaftswoche(-monat) liegt vor?
Besteht eine Risikoschwangerschaft?
Hat die werdende Mutter Wehen?
Wie viele Minuten liegen zwischen den Wehen?
Hat Sie Blutungen?
Ist das Ihre erste Geburt?
Außerdem sollte man an den Mutter-Kind-Pass und den Koffer für den Aufenthalt im Krankenhaus denken – besonders bei ambulanten Geburten nicht zu vergessen: Kleidung für die Mutter nach der Geburt!
Einer mehr oder weniger entspannten Fahrt ins Krankenhaus steht damit nichts mehr im Wege.


Die Freude teilen


Schritt für Schritt wird der Helfer angeleitet, um die Mutter voll zu unterstützen. Was im Trockentraining lächerlich klingen mag, ist im Ernstfall notwendig. Die Gefühle von Mutter, Vater und Kind sind in diesen Minuten in einem absoluten Ausnahmezustand. Schon nach einer Geburt in sicherer Umgebung fühlen sich die neugeborenen Eltern oft am Ende ihrer Kräfte und weit ab von jeglicher Realität.
“Die Mutter ist wo anders”, beschreibt Edeltraud Voill, Psychologin und Geburtsvorbereiterin, die besondere Situation der Frau. “Die Frau ist mit der Geburtsarbeit beschäftigt.” In ihrer Situation habe Angst keinen Platz. Anders beim Mann. Da er körperlich nicht so sehr in den Geburtsverlauf eingebunden ist, empfindet er Ängste um Mutter und Kind.


Geschieht die Geburt ohne professionelle Hilfe, darf vor allem die Sorge des Alleingelassenseins nicht unterschätzt werden. “Wer immer dabei ist – er sollte Anteil nehmen an diesem Wunder”, so Voill. Egal ob im Spital, im Auto oder auf der Wiese.

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