Reizend?

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Kann Sie das auch manchmal reizen? Da redet man auf eine Person ein, noch dazu auf jemanden, den man vor ein paar Jahren in diese Welt gesetzt hat und diese niedliche, kleine Person gibt alles, außer eine Antwort. Ja, das ist mühsam und nicht selten auch Grund genug für Rat- und Mutlosigkeit bei Eltern und anderen Bezugspersonen von Kindern. Selbst wenn einem das noch nie passiert sein sollte und man sich eine solche Blockade bloß vorstellt, fühlt sich das schon belastend an, oder?

In der Fachsprache wird das Phänomen übrigens als „Rapport-Verlust“ bezeichnet. Karin T., Mutter des siebenjährigen Routine-Blockierers, Leon, trifft es nicht nur persönlich sondern leider auch ziemlich oft: Egal, was Sie ausprobiert, ihr süßer kleiner Fratz zeigt mal wieder derart geringe Reaktionen, dass sie sogar schon kurz daran gedacht hat, bei der Notfall-Ambulanz anzurufen: „Herr Doktor, kennen Sie sich mit Wachkoma-Fällen bei Kindern aus? Mein armer Liebling scheint da irgendwie hineingerutscht zu sein. Bitte sofort mit Notfall-Trage und Spritze ausrücken!“

Fieser Trick
Sie können es sich schon denken: Genau so eine Geschichte wird Ihr Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit augenblicklich aus seiner medizinisch bedenklichen Starre befreien. Jetzt ist die Chance groß, nicht nur eine Reaktion, sondern auch eine so genannte Interaktion zustande zu bringen. Cooler, aber fieser Trick. Zugegeben! Sollten Sie allerdings so eine pfiffige Lösung gerade nicht zur Hand haben, dürfen Sie gespannt auf unseren Tipp-Kasten sein … Mama Karin versucht jedenfalls nochmals zu intervenieren: „Na toll, jetzt hockst du auf dem kalten Boden und holst dir ganz bestimmt wieder einen Schn …!“ Stopp!

Zwischenfrage: Wie fühlt sich allein schon dieser Satz für Sie an? Darf ich vielleicht beklemmend sagen? Also für mich träfe das, wäre ich an Leons Stelle, ziemlich genau zu. Für den Buben allerdings wird es jetzt noch enger, weil Mama klarerweise noch ein erweitertes Programm auf Lager hat: „Was hast du denn jetzt wieder? Kannst du denn nicht einmal tun, was ich sage?“ Überaus hilfreiche Worte zum Herausfinden aus einer Blockade, die durch nichts anderes als Worte ausgelöst worden ist! Dann aber feuert Karin in ihrer Not auch noch das mächtigste aller erzieherischen Satzgebilde auf ihren ohnehin schon leidlich hilflosen Sohnemann ab: „Wenn du jetzt nicht gleich aufstehst und tust, was ich dir sage, dann setzt es was! Du wirst es sehen!“ Aha! Na da bin ich ja mal gespannt…

Ausdruck von Ohnmacht
Zwei wichtige Blickwinkel habe ich allerdings jetzt gleich für Sie: Erstens dürfen sie davon ausgehen, dass Blockieren zumeist ein Ausdruck von Ohnmacht ist, weshalb ein „Austritt“ aus diesem Zustand eher behutsamer und verständnisvoller Milde bedarf, als einer wortreichen Vorwurfs-Tirade. Zweitens fühlt sich ein Kind, das sich gerade aus jeder Kommunikation mit einer geliebten Bezugsperson ausgeklinkt hat, niemals gut dabei. Dessen können Sie sicher sein! Somit können sie ebenfalls davon ausgehen, dass es kein Kind gibt, welches solche Momente möglichst lange beibehalten will.

Es wird ganz im Gegenteil eher froh darüber sein, wenn es einen einfachen Weg geboten bekommt, wieder kommunizieren zu können. Die zutiefst kommunikative Grundorientierung ist bei Kindern nämlich eine der stärksten Triebfedern für ihr gesamtes Verhaltens-Muster uns als Bezugspersonen gegenüber. Sie wollen kommunizieren, möglichst viel, intensiv und, wenn´s geht, harmonisch. Sobald Sie das anbieten, ist wahrscheinlich auch die allerhärteste Blockade ganz rasch Geschichte.

Hilferuf des Kindes
Wenn ein Kind blockiert, ist das also zumeist nichts anderes als ein klarer Sofort-Hilferuf an die involvierte Bezugsperson: „Bitte gib mir eine andere, leichtere Möglichkeit mit dir wieder zu kommunizieren! Mache es mir leicht, mein selbstgewähltes Ausklinken aufzugeben! Ich brauche jetzt deine Hilfe!“ Dass ein Menschenkind, das ansonsten eher gesprächig ist, mit einer totalen Rede-Blockade eigentlich zu sich selbst nicht gerade nett ist, sollte Sie abschließend vielleicht gänzlich mit Ihrem kleinen Blockierer versöhnen. Jetzt brauchen Sie nur noch auf das nächste völlige Ausklinken unseres süßen Fratzes warten  und es dann mal unter einem ganz anderen Blickwinkel aushalten.

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