Atomkraft – die Kraft, die´s in sich hat

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Fragt man heute Erwachsene, wie sie den 29. April 1986 verbracht haben, werden es die meisten noch wissen. Es war der Tag, an dem in Österreich bekannt wurde, dass in Tschernobyl ein Reaktorunfall stattgefunden hat. Ich war beispielsweise auf Wandertag. Verbrachte den ganzen Tag draußen, saß auf der Wiese in der Sonne und ahnte nicht, dass die Luft anders ist als sonst.

Am 26. April 1986, beginnt im Block IV des Kernkraftwerks Tschernobyl ein Test des Kühlwassersystems. Der Reaktor gerät außer Kontrolle, die Notabschaltung misslingt und der Reaktor explodiert. In der drei Kilometer entfernten Stadt Pripyat leben zu dieser Zeit 45 000 Menschen, davon 16 000 Kinder. Sie genießen den 26. April 1986 als ersten warmen Frühlingssonntag. Die größte Menge an Radioaktivität wurde in den ersten zehn Tagen freigesetzt. Es herrschte zunächst Nord- und Nordwestwind. Ende April drehte der Wind Richtung Süden und Südosten. Jahreszeitlich bedingt gab es häufige, aber lokal begrenzte Schauer. So kommt es zu einer regional und lokal ganz unterschiedlichen Verteilung der Radioaktivität.
In der Zeit von 27. April bis 5. Mai 1986 werden in etwa 1800 Helikopterflügen etwa 5000 Tonnen Löschmaterial wie Sand und Blei auf den brennenden Reaktor abgeworfen.

Erst jetzt werden die BewohnerInnen der Kraftwerkssiedlung Pripjat evakuiert.
Erst zwei Tage später, am 28. April 1986 um 21 Uhr teilt die sowjetische Nachrichtenagentur TASS mit, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Es seien Menschen zu Schaden gekommen. Es werde eine Untersuchungskommission gebildet.

Was wurde frei gesetzt bei dem Reaktorunfall?

Aus dem zerstörten Reaktor entwichen vor allem in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall mehr als 40 verschiedene Radionuklide. Für die Analyse der Folgen des Unfalls sind dabei vor allem Jod und Cäsium, sowie Strontium von Bedeutung. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 50 Prozent des Reaktorinhalts an Jod und 30 Prozent des Cäsiums in die Atmosphäre gelangten. Durch die heißen Gase des brennenden Grafitmantels wurden die radioaktiven Stoffe auch in Höhen von mehr als 1500 Metern getragen. Gesteuert von den unterschiedlichen Wetterverhältnissen in den Tagen nach dem Unfall, verteilte sich die Radioaktivität großräumig in Skandinavien, Polen, auf dem Baltikum, aber auch in Süddeutschland, Nordfrankreich und England.

Österreich ohne AtomkraftIn Österreich gibt es kein Atomkraftwerk. Deswegen von einer privilegierten Situation auszugehen, ist leider falsch. Nachdem Österreich von 40 Atomkraftwerken in seinen Nachbarstaaten umgeben ist und radioaktive Wolken sich nicht an Landesgrenzen halten, sollte man sich informieren, welches Verhalten vielleicht überlebenswichtig sein kann.

Folgen für die Ernährung

Je größer die Entfernung vom Unfallort, umso geringer ist die Dosis
Bei der Freisetzung von radioaktiven Teilchen, werden diese in die Atmosphäre geschleudert und lagern sich, an den in der Luft vorhandenen Staubpartikeln an. Die so entstandene radioaktive Wolke kann vom Wind über tausende Kilometer vertragen werden. Auf Grund der Schwerkraft sinken diese radioaktiven Staubteilchen zu Boden. Dieser Niederschlag wird in der Fachsprache „fall out“ genannt.

Regen oder Schnee während des Wolkendurchzugs können die Strahlendosis um ein Vielfaches erhöhen. Die Belastung in Niederschlagsgebieten kann aufgrund des Auswaschens der radioaktiv verunreinigten Luftmassen und der damit verstärkten Ablagerung auf den Boden um das 100-fache höher sein, als in Gebieten, wo es während des Wolkendurchzugs keine Niederschläge gegeben hat. Aber auch über die Nahrung können sich Menschen und Tieren mit radioaktiven Substanzen belasten. Ein Unfall im Frühjahr verursacht eine viel höhere Belastung durch die Nahrungsaufnahme als ein Unfall zur Winterzeit, da es zu dieser Zeit kaum zu Ablagerungen auf Pflanzen kommt, die als Futtermittel dienen.

Welche Folgen hat ein Reaktorunfall für die Ernährung?
Lebewesen sind nicht nur durch kontaminierte Luft einem Risiko ausgesetzt, sondern auch durch die Nahrungsmittel, die sie zu sich nehmen. Auch 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe sind Lebensmittel in Europa noch radioaktiv belastet. Hohe Cäsium-Mengen sind besonders in den Wald –und Heideböden zu finden. Hier werden die radioaktiven Partikel wie in einem Schwamm aufgesaugt und gelangen in Pflanzen und Wurzeln. Tiere, die sich z.B. von Pilzen ernähren, nehmen auch die radioaktive Belastung auf. Zu den hoch belasteten Lebensmitteln gehören Wildfleisch, Waldbeeren, und vor allem Pilze. Die Höhe des Cäsiumgehalts variiert, je nach Sorte.

Österreichs Strahlenfrühwarnsystem

Für die rasche Erkennung von großräumigen radioaktiven Kontaminationen steht in Österreich ein vom Umweltministerium betriebenes Strahlenfrühwarnsystem mit mehr als 340 Messstationen zur Verfügung.
Österreich ist eines von wenigen Ländern, das über ein flächendeckendes Sirenenwarnsystem verfügt.

Folgende Sirenensignale signalisieren Gefahr:

Ein drei Minuten gleich bleibender Dauerton bedeutet: herannahende Gefahr!
Ein gleich bleibender Dauerton von 3 Minuten bedeutet „Warnung“. Es besteht zur Zeit noch keine akute Gefährdung. Sie müssen sich jedoch auf eine herannahende Gefahr einstellen. Nähere Informationen sollten Sie über Radio oder Fernsehen erhalten.

Ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton bedeutet: Alarm!
Hier müssen Sie sofort handeln. Verlassen Sie die Straße und suchen Sie Schutz in Räumlichkeiten auf. Informieren Sie sich unbedingt über Radio oder Fernsehen, welche Schutzmaßnahmen Sie ergreifen sollen.

Ein gleich bleibender Dauerton von einer Minute bedeutet „Entwarnung“. Die Gefahr ist vorüber. Beachten Sie weitere Durchsagen über Lautsprecher, Fernsehen oder Radio.

Welche Maßnahmen sollten getroffen werden, wenn Österreich tatsächlich von den Folgen eines Reaktorunfalls betroffen ist?

Kaliumjodidtabletten, rechtzeitig eingenommen, bieten einen effektiven Schutz gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod in der Schilddrüse und daher gegen Schilddrüsenkarzinome. Ein Vorrat dieser Tabletten stellt somit eine vorrangige Strahlenschutzmaßnahme dar. Allerdings sollten die Tabletten nur von Kindern, Jugendlichen, Schwangeren, Stillenden und Personen unter dem 40. Lebensjahr eingenommen werden. Personen ab 40 Jahren sollen die Tabletten nicht mehr einnehmen, da es bei dieser Altersgruppe fallweise zu Schilddrüsenüberfunktionen kommen kann und das Risiko für die Entstehung von strahleninduzierten Schilddrüsenkarzinomen in dieser Altersgruppe wesentlich geringer ist.

Das Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen stellt die erste Tagesdosis von Kaliumjodidtabletten für alle Schülerinnen und Schüler sowie eine volle Packung für alle an den Schulen tätigen Lehrer/innen und Bediensteten bis zum 40. Lebensjahr kostenlos zur Verfügung.

Während des Durchzugs einer radioaktiven Wolke sollten Sie unbedingt den Aufenthalt im Freien meiden. Staubabsorbierende Raumfilter oder, wenn vorhanden, spezielle Strahlenschutzfilter sollten für den Innenraum verwendet werden. Suchen Sie Räumlichkeiten auf, die aus massivem Mauerwerk sind und möglichst wenig Fenster haben. Also Kellerräume, Garagen etc…
Bei unbedingt notwendigem Aufenthalt im Freien sollten Sie abwaschbares Gewand mit glatter Oberfläche (Regenschutz) und einen Mund/Nasenschutz tragen. Lassen Sie das Gewand vor der Einganstüre liegen und reinigen Sie es nach einiger Zeit durch Abbrausen.

Atomkraft – Hysterie oder kalkulierbares Risiko?

Der Reaktortyp, der in Tschernobyl den verheerenden Unfall verursacht hat, ist laut Dr. Christian Schmitzer, früherer Institutsleiter für Strahlenschutz im Forschungszentrum Seibersdorf, nicht verbreitet. So gibt es in Europa keinen Reaktor dieser Art.
„Man darf nicht vergessen, dass in Tschechien oder der Slowakei Reaktortypen in Verwendung sind, die nicht explodieren können. Schwere Unfälle wie in Tschernobyl sind also in grenznahen Atomkraftwerken nicht möglich. Das Austreten kontaminierter Flüssigkeit ist ein lokales Phänomen, das individuell gelöst werden muss“, so Schmitzer.
Seitdem terroristische Anschläge für Verunsicherung sorgen, ist natürlich ein Anschlag auf ein Atomkraftwerk das Horrorszenario schlechthin.

„Bei den Konstruktionen der AKWs gibt es natürlich ein Sicherheitssystem. Das sogenannte Containment – die Schutzhülle- kann hier den Austritt von radioaktiven Substanzen verhindern. Wenn jedoch ein Lagerplatz von Brennstäben betroffen ist, dann sieht die Sache anders aus. Allerdings muss man sagen, dass jedes Sicherheitssystem ausgeschaltet oder umgangen werden kann, wie man weiß“, erklärt Schmitzer.

Wie sieht die Zukunft aus? Erlebt die Atomkraft eine Renaissance oder wird sie von neuen Energieformen abgelöst?
„Ein Drittel des Strombedarfs der EU kommt derzeit aus AKWs. Viele dieser Werke werden in dreißig Jahren nicht mehr am Netz sein, weil sie veraltet sein werden. Unser Stromverbrauch bleibt aber gleich hoch. Das heißt, wir werden keine Alternative als die der Atomkraft haben“, ist Schmitzer überzeugt.

wichtige web-adressen:
www.umweltbundesamt.at
www.bmi.gv.at/zivilschutz
www.seibersdorf-research.at
www.global2000.at

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