Erzähl mir was vom Tod!

Kleine Kerzen stehen auf einem schön geschmückten Tisch. Eine leuchtet für Stefans Katze, die vor einigen Wochen von einem Auto überfahren wurde. Eine für Leos Großmutter, die zu früh verstarb. Eine für Lauras Lieblingspuppe, die sie verloren hat. Auf dem Boden liegen viele bunte Tücher. Eifrig stellen kleine Hände Stühle darauf, holen sich Stofftiere, bauen einen gemütlichen Platz aus Pölstern. „So soll meine Wohnung im Himmel ausschauen“, erklärt die vierjährige Sophie. Es ist wenige Tage vor Allerheiligen, und im Evangelischen Kindergarten Liesing wird die Gelegenheit genützt, dem Tod ein wenig Platz im Leben zu geben … behutsam, kindgerecht und ganz nah an der Erfahrungswelt der Drei- bis Sechsjährigen. Von Traurigkeit oder Schwermut ist hier nichts zu spüren. „Für die Kinder ist es meist kein Problem, mit der Sterblichkeit, mit dem Abschiednehmen umzugehen. Das ist ein Lebensthema“, meint die Psychologin, Psychotherapeutin und Buchautorin Dr. Monika Specht-Tomann.

Jeder Abschied ein kleiner Tod. Ob es nun die verlorene Puppe oder der überfahrene Kater ist, dessen Verlust sie beweinen, ob das Schlafengehen nach einem besonders ereignisreichen Tag oder sich die Eltern trennen oder die geliebte Oma stirbt: Schon von klein auf werden Kinder mit Abschieden und Verlusten konfrontiert.

Es sind die kleinen, scheinbar belanglosen Situationen der alltäglichen Trauer, in denen Kinder für den Umgang mit dem Tod gerüstet werden. Wer von seinen Eltern vermittelt bekommt, dass er traurig sein darf, wenn der beste Freund plötzlich nicht mehr mit einem spielen will, wer sich seiner Tränen für den toten Hamster nicht schämen muss, der lernt instinktiv, dass die Trauer einen Platz im Leben haben darf. Dass man sie nicht zu verdrängen braucht.

Tabuthema Tod

Verdrängen: Damit sind wir beim Anfang allen Übels, wenn es um den Tod geht. Die Eltern entfernen den toten Hamster, damit das arme Kind ihn nicht zu Gesicht bekommt. Und das Begräbnis für den heißgeliebten Opa findet ohne das Enkerl statt. Was als Schutz für die kindliche Seele gedacht ist, hält eines der größten Tabus unserer Gesellschaft munter am Leben: das Sterben. Denn tatsächlich sind es meist nicht die Kinder, die ein Problem mit dem Tod haben, sondern die Erwachsenen. „Kriegt Oma da unten auch was zu essen?“, „Wie kommt man denn aus dem Sarg wieder raus?“, „Wie schaut es eigentlich im Himmel aus?“, „Und wann stirbst du?“ – angesichts solcher und anderer gnadenlos offener Fragen aus dem Mund ihrer Sprösslinge verstummen Mamas und Papas häufig … Zum einen, weil sie erkennen müssen, dass sie selbst als Kind in ihrer Trauer alleine gelassen wurden, gar keine – oder wenn, dann die falschen – Antworten bekommen haben. Zum anderen, weil sich hektische Unsicherheit breit macht: Wiedergeburt? Das Nichts? Ewiges Leben? Was soll ich antworten, wo ich doch weiß, dass ich nichts weiß? Hier werden Eltern die eigenen Grenzen bewusst wie selten sonst.

Keine Angst!

Natürlich hängen die Antworten wesentlich vom Alter des Kindes ab – umgekehrt sind aber auch die Fragen von der Entwicklungsstufe des Kindes geprägt (siehe Kasten nächste Seite). Nicht Allwissen ist hier gefordert, sondern Authentizität: Denn woran auch immer Vater oder Mutter glaubt beziehungsweise nicht glaubt – an die Reinkarnation, die Auferstehung oder daran, dass mit dem Tod alles aus ist –, es bleibt ein Glaube. Dass Eltern einmal nicht allwissend sind, kann man dem Kind ebenso getrost vermitteln wie die Tatsache, dass jeder Mensch einen ganz anderen Zugang zum Tod hat. Wenn es am nächsten und am übernächsten Tag neuerlich mit der Frage „Warum muss man sterben?“ kommt, heißt das nicht, dass Ihre Antwort nicht zufriedenstellend war. Über die ewig gleichen Fragen und Antworten versuchen Kinder Sicherheit zu bekommen für Dinge, die sie nicht begreifen können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Eltern sich vorher Gedanken machen, wie sie selbst zum Tod und der Frage des Danach stehen. Heute mit der Wiedergeburt zu antworten, morgen die Himmelfahrt zu vertreten und übermorgen das Nichts – das schafft Unsicherheit! Hilfreich kann es sein, sich gemeinsam an Antworten heranzutasten. Fragen Sie: „Was stellst du dir vor, dass mit uns geschieht, wenn wir sterben?“ Fordern Sie Ihr Kind auf, ein Bild zu malen. Das, so Monika Specht-Tomann, gebe auch die Möglichkeit zu erkennen, wo das Kind gerade steht. Denn bei Kindern ist alles im Fluss, ihr Weltbild verändert sich ständig. Das erklärt auch, dass der Tod manche Kinder scheinbar aus heiterem Himmel wochenlang beschäftigt – und dann plötzlich kein Thema mehr ist.

Mit Bildern arbeiten

Gerade für kleinere Kinder bieten gesellschaftlich fest verankerte Feste wie Allerheiligen oder auch der Kreislauf der Natur die Möglichkeit, an die Vergänglichkeit heranzuführen, empfiehlt Specht-Tomann, die sich auf Trauerbegleitung spezialisiert hat. Mittlerweile gibt es auch eine ganze Reihe guter Bilderbücher (siehe unsere Tipps), die das Thema Sterben aufgreifen – und die greifbare Bilder anbieten für jene Situationen, in denen der Verstand an seine Grenzen stößt. Das Bild des Sterns etwa für den verstorbenen Großvater: Jeden Abend leuchtet er für das Kind. Oder jenes der Rose, um einem Kind auf die Frage „Muss ich auch sterben?“ zu antworten: Normalerweise wird eine Rose nicht kaputt, bevor sie aufblüht. Und normalerweise sterben Menschen nicht, bevor sie alt sind. Sehr alt. Und sehr krank. Das elterliche Wissen, dass es auch anders kommen kann, dass das Leben traurige Ausnahmen kennt, darf dabei nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken. Das verunsichert – und schafft Angst vor einem harmlosen Infekt oder dem routinemäßigen Arztbesuch.

„Glaubst du, mein Papa hat jetzt auch Flügel?“, flüstert ein Zweitklassler Elfriede Scharf ins Ohr. Sie hat eben „Emi und der Drache mit den Schmetterlingsflügeln“ zu Ende gespielt, sitzt von einer Kinderschar umringt auf der Bühne. So wie Emi seinen Freund, den Drachen Josef, hat auch der Bub jemanden verloren: seinen Vater.

Mit ihrem Kuddel Muddel Kindertheater arbeitet Elfriede Scharf sogenannte Tabuthemen auf und bringt sie zu den Kindern: Das Altern, die Angst, der Tod verlieren auf der kunterbunten Bühne schnell ihren Schrecken. „Schwere Themen kinderleicht“ – das ist auch Motto des von Elfriede Scharf, Monika Specht-Tomann, Florian Haring (Tontechnik) und Barbara Baumgartner (Projektleitung) gegründeten Hörspielverlags Libelle, in dem „Emi“ eben als Hörspiel erschienen ist. Ein einzigartiges Projekt, bei dem alle Aspekte der Trauerarbeit – vom Verdrängen über die Leere bis zu Trauer und Lachen – in Figuren verarbeitet sind und dabei ganz viel Platz für kindliche Projektion bieten, ob im „Krisenfall“ oder präventiv.

„Benenne den Tod nicht, mach eine schöne, positive Geschichte, hat man mir geraten“, erinnert sich Elfriede Scharf lächelnd. „Ich wollte aber ,Tod‘ und ,Sterben‘ sagen, eben weil es nicht gesagt wird.“ Die vielen positiven Rückmeldungen – von Kindern, Eltern und Lehrern – haben ihr Recht gegeben. „Es ist schön, was anbieten zu dürfen und keine Antwort vorzugeben. Wenn Kinder wollen, haben sie ein Bild, das sie zu ihren eigenen Bildern dazunehmen können.“

Ein Bild haben auch die Kinder des Evangelischen Kindergartens Liesing: jenes von ihrer Wohnung im Himmel. Angst? Nein, Angst haben sie nicht. Warum auch?

Fotos: udra11/Shutterstock.com

 

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