Gemischtes Doppel, neues Glück: „Patchworken“ macht stark

„Erzählst du mir ein Märchen?“ Anna, 7 Jahre, kuschelt sich an Martina. Eigentlich erübrigt sich die Frage, denn vor dem Schlafengehen gibt es immer eine Geschichte. Um Hänsel und Gretel, Schneewittchen oder Aschenputtel macht Martina allerdings einen großen Bogen. Sie alle haben nämlich eine Stiefmutter – eine böse Stiefmutter, die sie in den Wald jagt oder harte Arbeit verrichten lässt, während die eigenen Kinder von goldenen Tellerchen essen.

Familie im Wandel

Die Mär von der bösen Stiefmutter stammt aus einer Zeit, in der die Familie grundsätzlich als unantastbar galt. Scheidungen gab es kaum, einen neuen Elternteil bekam nur, wer Mutter oder Vater durch einen frühen Tod verloren hatte. Die Märchen haben überlebt, die Gesellschaft hat sich grundlegend gewandelt: Wie  Zahlen belegen, werden in Österreich rund 40% der Ehen geschieden. Der Traum von der Familie aber bleibt. Patchworkfamilie nennt sich die neue Form des Miteinanders – in dem immerhin ca. acht von 100 österreichischen Kindern zu Hause sind … auch Anna. Sie verbringt jedes Wochenende bei ihrem Vater, seiner Lebensgefährtin Martina und deren beiden Kindern. Anna und ihr Halbbruder Max, zehn Monate, sowie Stiefschwester Laura, 9 Jahre, leben bei Annas Mutter und deren neuem Mann Peter. Einmal monatlich bekommen sie Besuch von Lauras beiden älteren Brüdern. Klingt kompliziert. Eine typische Patchworkfamilie? Nein!

Kunterbunt zusammengeflickt

Schon der Begriff „Patchwork“ stellt klar: Hier haben wir es mit einer Vielzahl an Familienkonstellationen zu tun: der „Stiefvater-“, „Stiefmutter-“ oder der „zusammengesetzten Stieffamilie“, je nachdem, welcher Partner Kinder in die Beziehung mitbringt. Die klassische Patchworkfamilie gibt es also nicht. Ebenso wenig wie ein Patentrezept für ihr Gelingen, nach dem sich alle Beteiligten oftmals sehnen. Denn das Leben in der neuen Familie bedeutet eine große Herausforderung. Kein Wunder: Was in der traditionellen Familie viel Zeit zum behutsamen Wachsen hat, soll in der Stieffamilie oft über Nacht funktionieren – und tut es aus vielerlei Gründen nicht. Ein Junggeselle findet sich als „Vater“ von Schulkindern wieder, die Mutter zweier Kleinkinder muss nun auch noch zwei Pubertierende bändigen, das Einzelkind geht in einer Handvoll Kids unter. Eine Menge Konfliktpotenzial, das auf Eltern und Kinder wartet. Und kaum Vorbilder, an denen sie sich orientieren können …

Ein langer Weg

Wie auch immer die Ausgangssituation ist: Das Experiment kann gelingen, wenn auch nur mit einer gehörigen Portion an Geduld. Experten sprechen davon, dass es fünf Jahre und mehr braucht, bis sich die neue Familie gefestigt hat. Auf dem Weg dorthin durchläuft sie verschiedene Phasen, die oftmals als schwierig erlebt werden. Wenn die „alte“ Familie auseinanderbricht, werden die Karten neu gemischt. Je besser das scheidende Elternpaar nun miteinander kooperiert, umso konfliktfreier läuft das künftige Leben in der Teilfamilie ab. Letztlich wird in dieser Abschiedsphase die Basis für die spätere Patchworkfamilie gelegt. Irgendwann passiert es nämlich: Mama oder Papa verlieben sich. Die verflossenen Partner sind gekränkt oder wütend, die neuen Liebenden schwanken zwischen Schuldgefühlen und dem Recht auf ihr wohl verdientes Glück. Und die Kinder? Sie freuen sich anfangs über die gesteigerte Zuwendung aller Beteiligten, finden sich aber bald in einem Loyalitätskonflikt zum fernen Elternteil wieder. Ihre Verunsicherung schlägt sich in offener Revolte oder emotionalem Rückzug nieder. Spätestens jetzt heißt es: Realistisch bleiben. Erwartungen zurückschrauben. Sich von bisherigen Rollenzuschreibungen verabschieden. Willkommen in der Patchworkfamilie!

„Langsam wachs ma zsamm“

Schwer haben es alle – Mutter, Vater, Stiefelternteil, Kinder. Wie schwer, hängt von vielen Faktoren ab: der Persönlichkeit, der vorangegangenen Beziehung samt Trennung, dem Platz im neuen Familiengefüge. Es ist ein Mix aus Ängsten, Rollenunsicherheiten, unterschiedlich gewichteten Loyalitäten, ständigen Kompromissen und letztlich auch inneren Konflikten á la „Darf ich mein eigenes Kind mehr lieben?“, der über alle Beteiligten hereinbricht und meist lange Zeit anhält. Verabschiedet man sich vom Anspruch, „eine normale Familie“ zu sein, dann fällt es leichter, überlebensnotwendige Tugenden wie Gelassenheit und Geduld walten zu lassen. Die brauchen alle Familienmitglieder: Denn die besonderen Gefühle gegenüber den „eigenen“ Kindern, der Instinkt, sie vor dem „fremden“ Stiefelternteil in Schutz nehmen zu müssen, dessen Unsicherheit hinsichtlich seiner Rolle, aber auch der Selbstbehauptungstrieb des abwesenden Elternteils machen die Grenzen des Zusammenlebens in der Patchworkfamilie stets aufs Neue bewusst.

Schneewittchen und die neuen Zwerge

Als Anna dazu gezwungen wurde, mit Geschwistern zu leben, brachte das große Veränderungen mit sich. Geliebte Privilegien fielen weg. Raum, Zeit und Zuwendung waren ab nun mit Fremden zu teilen, zuerst bei Mama, dann auch bei Papa. Ihre Stellung in der Geschwisterreihe hat sich ebenso verändert wie ihre Geschlechterposition. Das ist in den meisten Familien so: Die älteste Tochter wird zum Sandwichkind, der einzigeSohn zum Anhängsel eines Dreimäderlhauses. Das macht Angst. „Fairness“ lautet die elterliche Zauberformel dagegen. Klingt einfach, ist es aber gerade deshalb nicht, weil das Band zum eigenen Kind naturgemäß besonders intensiv gewoben ist. Wenn jedoch für alle Kinder einer Familie gleiche Regeln gelten, wenn alle dasselbe Maß an Zuwendung erfahren, dann wird es leichter fallen, Vorbehalte zu überwinden. Schließlich hat es ja auch etwas für sich, den Urlaub nicht mehr alleine zwischen Erwachsenen totzuschlagen und bei der Diskussion „Darf eine 10-Jährige ,Dancing Stars‘ bis zum bitteren Ende sehen?“ Verbündete an seiner Seite zu wissen.

Und noch ein klitzekleines Problem

Wenn sich in der Patchworkfamilie auch noch Nachwuchs ankündigt, macht sich zunächst meist wieder Unsicherheit breit. In der Regel stellt sich die Familienerweiterung aber als Glücksfall heraus. „Die Differenzierung in ,mein‘, ,dein‘ und ,unser‘ war spätestens mit der Geburt und dem Heranwachsen von drei Geschwistern emotional im Alltag irrelevant geworden“, erzählen auch Marguerite Dunitz-Scheer und Peter Scheer (siehe Kasten „ratzfratz” – Literaturtipps) aus ihrer Patchwork-Erfahrung. Die Voraussetzung dafür, dass gemeinsame Kinder eine Bereicherung darstellen: „Ihre“ und „seine“ müssen sich beschützt, geborgen und in ihrer Identität sicher fühlen. Vor und nach der Geburt von Nesthäkchen!

Der tägliche Spießrutenlauf

Sechs Personen, die gleichzeitig das Bad benützen wollen, 15 Paar Schuhe, die im Vorzimmer herumkugeln, Fahrräder in allen Größen. Wochenenden, die zwischen fernen Vätern, diversen Kindern sowie mehreren Großelternpaaren zu koordinieren sind. Und dann auch noch Geburtstage und andere Anlässe, diegemeinsam oder getrennt und manchmal auch dreimal gefeiert werden wollen. Was lustig aussieht, braucht eine große Portion Organisationstalent – und Hellhörigkeit: Denn Kinder sind von der Fülle der sozialen Kontakte manchmal überfordert. Spätestens dann heißt es Grenzen ziehen. Sie dürfen zwar die Beziehung zum außerhalb lebenden Elternteil nicht behindern, sollen aber ganz deutlich signalisieren: „Wir sind die Familie, um uns geht es!“

Die gute Nachricht

Entgegen weit verbreiteten Vorurteilen führt die noch „exotische“ Konstellation Patchworkfamilie zu keinem nachhaltigen Schaden bei den Kindern. Verhaltensauffälligkeiten sind genauso häufig oder selten wie in traditionellen Familien, bei psychosomatischen Leiden verzeichnet man sogar deutlich weniger Fälle. Patchworken macht also stark! Und es eröffnet Chancen: Hat man die Krisen irgendwann einmal erfolgreich hinter sich gelassen, bleiben Erfahrungen, die fürs Leben prägen. Gelebte Vielfalt und jahrelang erprobte Tugenden wie Geduld, Toleranz und Konfliktfähigkeit haben eben auch ihr Gutes: Sie bringen kompromissbereitere, teamfähigere und tolerantere Kinder hervor. Und dafür lohnt es sich doch zu kämpfen!

 

Buchtipp
Leben in der Patchworkfamilie von Peter Scheer, Marguerite Dunitz-Scheer Falter Verlag 2008 ISBN 978-3-85439-414-3Leben in der Patchworkfamilie So gelingt der neue Familienmix Von Natascha Becker vgs Egmont 2005 ISBN 978-3-8025-1455-6


Link: www.elternbildung.at

 

Mag. Andrea Schaller

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Foto: Shutterstock.com CREATISTA

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Überlebenstipps für Patchwork-Eltern :

  • Üben Sie sich in Geduld! Sie ist eine der wichtigsten Tugenden auf dem langen Weg des Zusammenwachsens zu einer Familie.• Auch wenn in der Anfangsphase alles schiefläuft: Geben Sie sich und dem Stiefkind Zeit, legen Sie sich eine dicke Haut zu, aber lassen Sie sich auch nicht erpressen. Meist löst sich der Knoten im Laufe der Zeit von selbst.
  •  Anerkennen Sie, welche Bedeutung der getrennt lebende Elternteil für Ihr Stiefkind hat, und nehmen Sie keinen Platz ein, der Ihnen nicht zusteht. Seien Sie nicht mehr und nicht weniger als PartnerIn für die Mutter bzw. den Vater des Kindes.
  • Finden Sie als Stiefelternteil das richtige Maß zwischen tatkräftiger Unterstützung im Alltag und bedingungslosem Raushalten aus Erziehungsfragen. Anders können Sie nur verlieren!
  •  Nehmen Sie Ihr Kind ernst: Hinter Ablehnung, Rückzug oder Trotz steckt oftmals Angst. Geben Sie Ihrem Kind die Sicherheit, dass sich Ihr neuer Partner nicht an die Stelle des leiblichen Elternteils drängen will.
  •  Schaffen Sie Inseln, die nur Ihnen und Ihrem Kind gehören. Gemeinsame Rituale zeigen: „Du bist mir auch weiterhin wichtig!“
  •  Werfen Sie den Anspruch, alle gleich lieben zu wollen, über Bord. Natürlich sind die Gefühle Ihrem leiblichen Kind gegenüber stärker. Kein Grund, sich schuldig zu fühlen!
  • Machen Sie Fairness zur Maxime Ihres familiären Handelns: Begegnen Sie allen Kindern respektvoll, seien Sie so gerecht wie möglich und setzen Sie Regeln fest, die ausnahmslos für alle gelten!
  • Verlieren Sie Ihre Liebe nie aus den Augen. Der turbulente Patchwork-Alltag stellt Ihre Beziehung auf eine harte Probe. Gönnen Sie sich Auszeiten als Paar, damit die Intimität nicht auf der Strecke bleibt.
  •  Versuchen Sie nie so zu tun, als seien Sie „eine ganz normale Familie“. Sie sind es nicht. Die große Herausforderung birgt aber auch viele Chancen, vor allem für Ihr Kind. Vergessen Sie das nicht!