Was tun gegen Schulangst?

Ganz bleich ist Lukas um die Nase, gekrümmt sitzt er auf seinem Sessel am Frühstückstisch, die Tränen laufen ihm über die Wangen. Bauchschmerzen, wie so oft. Die Mutter ist ratlos. Sie hat ihren 9-jährigen Sohn gründlich durchchecken lassen – organisch fehlt ihm nichts.  Trotzdem klagt er mehrmals in der Woche über Übelkeit, will zu Hause im Bett bleiben. Dazu schläft er schlecht, wird von Alpträumen geplagt und wirkt tagsüber müde und unkonzentriert. “Was ist nur los mit Lukas?”, fragt sich die Mutter.

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Symptome für Schulangst

Die Antwort ist einfach, und doch für die Mutter nicht einfach zu sehen: Lukas hat Angst, in die Schule zu gehen. Und ist damit nicht allein. Schätzungen zufolge sitzt in jeder Klasse mindestens ein Kind, das den Schulbesuch fürchtet. Diese Angst produziert Symptome, die breit gefächert sind. Sie reichen von

Problemen im Magen-Darmbereich
Erschöpfungszuständen
Kopfschmerzen
Depressionen
Gereiztheit
Verhaltensauffälligkeiten wie Nägelkauen oder Bettnässen
Manche Kinder trödeln am Morgen, um den Gang in die Schule hinauszuzögern, andere erbrechen regelmäßig, wieder andere klammern sich weinend an die Mutter und verweigern den Schulbesuch ganz offen.

Schulangst vs. Schulphobie

“Man muss sehr genau zwischen Schulangst und Schulphobie unterscheiden”, erklärt Prof. Michael Millner, Leiter des Instituts für Kinderneuropsychiatrie an der Universitätsklinik Graz. Die Ursachen für eine Schulphobie liegen im familiären Umfeld und sind zum Beispiel in einer zu engen Bindung zwischen Mutter und Kind zu suchen.

“Hinter der Schulphobie steht meist eine unartikulierbare Angst des Kindes vor einer Trennung, es ist beherrscht von der Vorstellung, dass etwas Furchtbares passieren könnte, während es in der Schule ist”, schildert Prof. Millner.

“Das hat aber nichts mit der Schule an sich zu tun. Sie ist nur das Feld, in dem sich ein anderes, schwerwiegendes psychologisches Problem manifestiert.”

Wesentlich häufiger tritt die Schulangst auf, die ihre Wurzeln sehr wohl in der Institution Schule hat.

Ursache: Leistungsdruck

Die Bildungserwartungen und -ansprüche in unserer Gesellschaft sind enorm gestiegen, die Schule nimmt einen hohen Stellenwert in der Familie ein und prägt ihre Beziehungen. Speziell Eltern, die kein anderes Bildungsziel als die Matura gelten lassen, beobachten vom Tag der Einschulung an sehr genau Ist und Soll auf dem Weg dorthin, vergleichen ihr Kind kritisch mit seinen Alternsgenossen, verknüpfen Noten mit Belohnung und Bestrafung.

Klaffen die schulischen Anforderungen, die Erwartungen der Eltern und die tatsächlich erbrachten Leistungen zu weit auseinander, geraten Schüler rasch in einen bedrohlichen Konflikt.

“Kinder glauben häufig, sie müssen sich die Zuneigung ihrer Eltern mit einem Einser-Zeugnis verdienen”, weiß Dr. Dr. Andrea Richter, Leiterin der Schulpsychologie in Niederösterreich, die mit dem Thema Schulangst regelmäßig konfrontiert ist. Werde ich auch geliebt, wenn ich eine schlechte Schularbeit nach Hause bringe? Ist mein Fünfer daran schuld, dass sich die Eltern anschreien und in der Familie der Haussegen über Tage hinweg schief hängt?

Das sind existenzielle Fragen für ein Kind, die sich buchstäblich auf den Magen schlagen können. Und die einen Teufelskreis eröffnen, denn ein ängstliches, verunsichertes Kind ist tatsächlich weniger leistungsfähig und aufnahmebereit. Letzter Ausweg aus diesem Dilemma ist die Flucht – weg von der Schule, um jeden Preis.

Ursache: Mitschüler oder LehrerIn

Probleme mit einem oder mehreren Mitschüler/n sind eine weitere wichtige Ursache für Schulängste. So können Gruppenzwänge, bei denen das Kind nicht mitmachen will oder kann – zum Beispiel der Besitz bestimmter Statussymbole oder Markenartikel – eine große Belastung darstellen.

Dazu steigt auch an unseren Schulen die Tendenz zur Gewalt. Rund 20 Prozent der Volksschüler geben an, dass sie schon einmal auf dem Schulweg von anderen Kindern angegriffen wurden! Häufen sich solche Vorfälle, ist es zur Schulangst oft nicht mehr weit …

Nicht zuletzt können Lehrer oder Lehrerin selbst der Auslöser sein. “Wenn das Kind sagt, dass es sich vor der Lehrerin fürchtet und deshalb nicht zur Schule will, sollte man als Elternteil diese Angst zwar ernst, aber nicht unbedingt wörtlich nehmen”, relativiert Schulpsychologin Dr. Richter. Denn die Bedrohung, die das Kind erlebt, kann damit zusammenhängen, dass es Aussagen der Lehrerin falsch ausgelegt oder überinterpretiert hat.

Hilfe bei Schulangst

Körperliche Symptome abklären
Was tun mit dem betroffenen Kind? In einem ersten Schritt sollten stets die körperlichen Symptome medizinisch abgeklärt werden. Liegt kein eindeutiger Befund vor, kann man davon ausgehen, dass es sich um eine psychologisch bedingte Schulangst oder -phobie handelt.

Hilfe von außen
In letzterem Fall wird den Eltern der Weg zum Psychologen oder Therapeuten nicht erspart bleiben. Denn wenn die eigene Familiensituation Ursache für das Problem ist, braucht es unbedingt einen neutralen Außenstehenden, um den bestehenden Knoten fachgerecht aufzulösen.

Gespräche zwischen Eltern und Kind
Bei Schulangst hingegen sind Mutter oder Vater die ersten und besten Ansprechpartner. “Meistens kündigt sich eine Schulangst langsam an”, so die Erfahrung von Expertin Dr. Andrea Richter, “die Symptomatik ist nicht sofort voll ausgeprägt, sondern man spürt, dass das Kind nicht ganz glücklich in der Schule ist.” Dann ist rasches Eingreifen gefragt, denn Zuwarten birgt die Gefahr, dass die Situation eskaliert. Dem Kind immer wieder Entschuldigungen wegen Kopfweh oder Durchfall zu schreiben und es daheim zu lassen, hält Schulpsychologin Dr. Richter für keine gute Lösung, das verstärke lediglich den Fluchtmechanismus, ohne eine Perspektive zu bieten.

“Am wichtigsten ist es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen”, meint die Psychologin, “das geht allerdings nicht auf Knopfdruck, so nach dem Motto, komm, jetzt reden wir mal eine Stunde über dein Problem.” Ihr Rat: “Warten Sie eine Gelegenheit ab, in der das Kind offen ist, zum Beispiel am Abend vor dem Einschlafen oder in einer ruhigen, entspannten Situation zu zweit. Und dann nähern sie sich dem Thema in kleinen Schritten.”

Hilfreich ist es, nicht nur zu fragen, sondern sich selbst einbringen und auf die eigene Vergangenheit als Schülerin oder Schüler Bezug zu nehmen. Zum Beispiel mit den Worten: “Ich kann mich gut erinnern, wie das bei mir war. Ich hatte auch mal Angst vor einem Klassenkollegen, hab mich aber nicht getraut mit meinen Eltern darüber zu reden. Und dann hab ich es doch getan und war ganz erstaunt, wie gut sie mich verstanden haben.”

Mit konkreten Ratschlägen sollte man sparsam umgehen. “Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag”, warnt Schulpsychologin Dr. Richter, “besser ist es, gemeinsam mit dem Kind Lösungsstrategien zu erarbeiten und in der Phantasie durchzuspielen. Was könnten wir machen? Was würde dir helfen? Wen könnten wir um Unterstützung bitten?”

Kontakt mit der Schule aufnehmen

Bringt das keine Erleichterung, sollte man sich nicht scheuen, Kontakt mit der Schule aufzunehmen. “Lassen Sie sich vom Lehrer oder der Lehrerin einen Termin geben und legen Sie die Karten auf den Tisch”, meint Schulpsychologin Dr. Richter.“Grundsätzlich sind die Pädagogen genau wie Sie daran interessiert, das Problem in den Griff zu bekommen.” Und im gemeinsamen Gespräch eröffnen sich manchmal neue Dimensionen. “Die Dinge bekommen oft eine Eigendynamik, die man sich kaum vorstellen kann”, erzählt Dr. Richter aus der Praxis.

So nahm die Schulangst eines Mädchens ihren Anfang, weil es sich beim Turnunterricht nicht alleine an- und ausziehen konnte. Die Kleine weigerte sich zunächst mitzuturnen, blieb dann an Tagen mit Turnstunden daheim und generalisierte die Angst schließlich auf die gesamte Schule. “Und das alles wegen einer blöden Strumpfhose”, schüttelt die Fachfrau noch heute den Kopf.

Zu guter Letzt bleibt immer noch der Weg zur Schulpsychologin oder zum Schulpsychologen, die für jeden Bezirk in Österreich bereitstehen. Diese Experten können über die Schule, aber auch direkt kontaktiert werden, und sind zur absoluten Schweigepflicht gegenüber der Schule verpflichtet.

Viele Bundesländer bieten zudem eine Telefonberatung an, die den Eltern zu einer ersten Einschätzung des Problems verhilft und die weitere Vorgangsweise klärt. “Schulängste sind zusammen mit Lernschwierigkeiten jene Probleme, mit denen wir als Schulpsychologen am häufigsten konfrontiert sind”, schätzt Schulpsychologin Dr. Richter, “aber sie lassen sich gut behandeln und praktisch immer lösen.”

 

Foto: pixabay_Wokandapix

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